Bericht von Uli Schöttmer und Klaus Theurich
Manchmal ist ein Bild mehr wert als tausend Worte – oder in diesem Fall: eine Busfahrt nach Nattheim. Auf Einladung von Alterric, dem Projektentwickler und Betreiber des geplanten Windparks Lindenrain, besuchten Bürgermeister Häussler, Gemeinderäte der beteiligten Gemeinden sowie Interessenvertretungen am 25. April 2026 einen bereits laufenden Alterric-Windpark.
Eine Anlage in Betrieb – aus der Nähe
Die neun Windkraftanlagen in Nattheim stehen auf einer bewaldeten Anhöhe, gut 1000 Meter außerhalb der Wohnbebauung. Sie sind etwas kleiner als die für den Lindenrain geplanten Anlagen, in Bauweise und Erscheinung aber absolut vergleichbar. Wer sich also fragt, was eines Tages im Lindenrain stehen könnte, kann in Nattheim ein gutes Referenzbild bekommen.
An diesem sonnigen Samstag drehten die Rotoren kaum. Was auf den ersten Blick überraschend wirkt, hat einen nachvollziehbaren Grund: Im Frühjahr und Sommer dominiert die Photovoltaik das Netz. Solange genug Strom vorhanden ist, haben PV-Anlagen Vorrang, und Windkraftanlagen gehen in eine Art Bereitschaftsbetrieb. Ihre eigentliche Hauptertragszeit liegt im Herbst, Winter und frühen Frühjahr, also genau dann, wenn Solaranlagen wenig oder gar nichts liefern. Die beiden Technologien ergänzen sich im Jahresverlauf ideal, was eines der stärksten Argumente für einen breiten Technologiemix in der Energiewende ist.

Erste Blicke auf den Windpark Nattheim – mit fachlichen Erläuterungen der Vertreter von Alterric
Wind, Zahlen und was sie bedeuten
Die mittlere Windgeschwindigkeit am Standort Nattheim liegt bei etwa 5,8 bis 6 Metern pro Sekunde. Bei diesem Wert wird ein wirtschaftlich profitabler Betrieb ermöglicht. Für den Standort Lindenrain werden sehr ähnliche Werte erwartet. Die laufenden Windmessungen bestätigen die bisherigen Schätzungen und sollen im Sommer abgeschlossen sein. Diese Daten sind die Grundlage für die Wirtschaftlichkeitsberechnung: Wenn keine Einspeisung stattfindet, fließt auch kein Geld. Planung und Betrieb müssen also realistisch mit Teillastzeiten kalkulieren.
Technik zum Anfassen: Was in einem 140-Meter-Turm steckt
Wer noch nie direkt vor einer Windkraftanlage stand, erlebt einen Moment echter Ehrfurcht. Der Turm ragt 140 Meter in den Himmel. Das Fundament misst etwa 28 Meter im Durchmesser und reicht rund 3 Meter in die Tiefe. Die untere Turmhälfte wird aus Spannbetonfertigteilen zusammengesetzt, die innen mit Stahlseilen verspannt sind – ein Bauprinzip, das unter anderem auch bei großen Brückenkonstruktionen zum Einsatz kommt, hier aber in einer anderen Größenordnung.
Auf dem Betonfundament folgen Stahlrohrelemente, dann die Gondel mit Getriebe und Generator, und schließlich der Rotor. Alterric erklärte auch, dass in der Gondel erhebliche Mengen Schmierstoffe und Kühlmittel vorhanden sind. Diese befinden sich jedoch in vollständig geschlossenen Kreisläufen. Die Gondel ist nach unten hermetisch abgedichtet, und Auffangwannen dimensioniert für die gesamte Füllmenge stellen sicher, dass im Störfall keiner der Stoffe in den Boden gelangen kann.
Lärm, Eis und andere Sorgen – sachlich betrachtet
Zwei Themen beschäftigen viele Menschen in Gechingen und Umgebung besonders: Lärm und Eiswurf. Beide wurden ausführlich und transparent besprochen.
Lärm: Der gesetzlich zulässige Maximalwert beträgt 35 dBA, gemessen am äußersten Rand der Wohnbebauung in den Abend- und Nachtstunden. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa dem Geräuschpegel eines leisen Gesprächs in einer Bibliothek – außerhalb des Hauses. Im Inneren eines Gebäudes ist dieser Pegel nicht mehr wahrnehmbar.
Eisabwurf: Bei Vereisung werden die Anlagen automatisch und sofort abgeschaltet. Der Grund: Schon geringe Eismengen auf den Rotorblättern führen zu einer Unwucht, die die Anlage beschädigen könnte. Das bedeutet zugleich, dass abtauendes Eis nicht geschleudert wird, sondern senkrecht zu Boden fällt. Rund um jede Anlage ist eine klar ausgewiesene Zone mit Warnschildern vorhanden. Für den Standort Lindenrain sind etwa 10 sogenannte „Eisausfallstage“ pro Jahr eingeplant. An diesen Tagen steht die Anlage vorsorglich still.
Bekannte Unfälle durch Eis von Windkraftanlagen gibt es laut Alterric nicht. Zum Vergleich wurde auf eine alltäglichere Gefahr hingewiesen: Eisplatten, die von LKW-Planen auf Autobahnen fallen, sind für weitaus mehr Unfälle verantwortlich.
Rückbau: Was nach 25 Jahren passiert
Am Ende der Betriebsdauer (nach rund 25 Jahren) wird die gesamte Anlage inklusive Fundament vollständig zurückgebaut. Dies ist gesetzlich vorgeschrieben. Alterric ist verpflichtet, kontinuierlich Rücklagen für den Rückbau zu bilden, deren Höhe dynamisch an die tatsächlichen Kosten angepasst wird. Diese Rücklagen sind auch im Insolvenzfall zweckgebunden gesichert. Diese Regelung adressiert bewusst Bedenken über „Investitionsruinen“.
Ein Forstweg wie jeder andere – fast
Auf dem Weg zu einer der Anlagen fiel auf, wie wenig vom ursprünglichen Baueingriff noch zu sehen war. Der Forstweg, der in der Bauphase als Transportweg für die riesigen Anlagenkomponenten diente, wirkte wie jeder andere Forstweg in der Region: Bewuchs, Bäume, unaufgeregte Natur. Erst unmittelbar vor der Anlage öffnete sich die für Servicezwecke benötigte Kranstellfläche (in etwa so groß wie ein Tennisfeld), und plötzlich stand man vor diesem 140 Meter hohen Turm. Die nicht mehr benötigten Lagerflächen daneben waren bereits eingezäunt und wieder begrünt.
Infrastruktur: Strom ins Netz
Die neun Anlagen in Nattheim sind über eine gemeinsame Trafostation angebunden, die Alterric eigens mit einer Leistung von 56 MW errichtet hat. Die Einspeisung erfolgt in eine 110-kV-Trasse. In unmittelbarer Nachbarschaft entsteht derzeit eine Freiflächen-Photovoltaikanlage – auch das ein sichtbares Zeichen dafür, wie sich der Energiemix auf dem Land verändert.

Windparknahe Trafostation in Nattheim
Fazit
Die Exkursion nach Nattheim war informativ, anschaulich und transparent. Alterric hat Fragen offen beantwortet, auch unbequeme. Wer den Tag mitgemacht hat, kehrt mit einem konkreten Bild zurück: Windkraftanlagen sind groß, ja. Aber sie sind technisch durchdacht, gesetzlich eng geregelt und für die Energiewende schlicht unverzichtbar.
Die Klima-Initiative Gechingen dankt Bürgermeister Häussler, dem Gemeinderat sowie Alterric herzlich für die Einladung und die Möglichkeit, diese Eindrücke direkt in die laufende Diskussion um den Lindenrain einzubringen.

Vertreter*innen der beteiligten Gemeinden und Interessensvertretungen beim Infotag in Nattheim
